Wie Europas Technologieriesen entstanden
Die Geschichte von ASML, SAP, Rolls-Royce, Novartis und BAE Systems gibt Anlass, Europas kleinere Unternehmen von heute genauer kennenzulernen.

Europas nächstes großes Technologieunternehmen arbeitet vielleicht schon heute an einem Problem, über das die meisten von uns selten nachdenken. Außerhalb seiner Branche ist sein Name kaum bekannt, während sein Produkt für die Kunden, die sich darauf verlassen, immer nützlicher werden könnte.
Diese Möglichkeit wird greifbarer, wenn wir uns ansehen, wie einige bekannte europäische Unternehmen entstanden sind. Zu ihrer Geschichte gehören kleine Teams, unsichere Anfänge und Richtungswechsel. Auch Fusionen und staatliche Unterstützung spielen eine Rolle, denn ein großes Technologieunternehmen aufzubauen war selten das Werk eines Einzelnen.
Ein Blick zurück verrät uns nicht, welches kleinere Unternehmen als Nächstes erfolgreich sein wird. Er kann uns aber helfen zu erkennen, warum ein unbekannter Name einen genaueren Blick verdient.
ASML fand einen Weg zu besseren Chips
ASML begann 1984 als Gemeinschaftsunternehmen von Philips und ASM International. Das erste Team arbeitete in einem undichten Schuppen neben einem Philips-Büro in Eindhoven. Es entwickelte Maschinen, die mit Licht Schaltungsmuster auf Siliziumwafer übertrugen. Damit konnten Chiphersteller die winzigen Strukturen in ihren Chips fertigen.
Die bescheidene Unterkunft ergibt eine einprägsame Gründungsgeschichte. ASML hatte jedoch auch einen wichtigen Vorteil: jahrelange Forschung bei Philips. Trotzdem kämpfte das junge Unternehmen mit starken Wettbewerbern, wenigen Kunden und Geldmangel. Weitere Unterstützung von Philips half ihm, weiterzumachen.
Der Durchbruch kam Anfang der 1990er-Jahre mit dem PAS 5500. Höhere Produktivität und feinere Muster halfen ASML, Kunden zu gewinnen und profitabel zu werden. Der Börsengang 1995 brachte anschließend Geld für weitere Entwicklung und Produktion.
ASML wuchs, weil bessere Maschinen für Chiphersteller einen Unterschied machten. Partnerschaften, darunter die langjährige Zusammenarbeit mit dem Optikspezialisten Zeiss, ermöglichten weitere Verbesserungen. Der Schuppen war eine Übergangslösung; der Bedarf an besseren Chips wuchs weiter.
SAP begann direkt beim ersten Kunden
Die Anfänge von SAP lagen näher am Büro des Kunden als am Forschungslabor. Fünf ehemalige IBM-Mitarbeiter gründeten das Unternehmen 1972 und verbrachten einen großen Teil ihrer Zeit bei ihrem ersten Kunden, der deutschen Tochter des Chemieunternehmens ICI.
Sie wollten Geschäftsabläufe durch Software verbinden und Informationen sofort verfügbar machen, statt auf die nächtliche Verarbeitung durch Computer warten zu müssen. Mit der Weiterentwicklung der Software konnten Einkauf, Bestandsverwaltung und Buchhaltung zusammenarbeiten. So konnte ein Vorgang in einem Unternehmensbereich die Informationen aktualisieren, die an anderer Stelle gebraucht wurden.
Die Arbeit direkt beim Kunden half den Gründern, solche alltäglichen Probleme zu verstehen. Bis zum Ende des ersten Jahres hatten die fünf Gründer und zwei Mitarbeiter ein erstes System für Materialwirtschaft, Information und Buchhaltung fertiggestellt.
Später erreichte SAP weitere Kunden, indem es seine Software an neue Computertechnik anpasste. Das 1992 veröffentlichte R/3 konnte auf Servern verschiedener Hersteller laufen und erschloss dadurch einen größeren Kundenkreis. Beratungspartner halfen bei Einführung und Nutzung, während die internationale Expansion das Geschäft über Deutschland hinausführte. Ein praktisches Problem bei einem Kunden war zur Grundlage eines viel größeren Unternehmens geworden.
Rolls-Royce brachte seine Ingenieurskunst in die Luft
Die technischen Wurzeln von Rolls-Royce liegen in dem Elektrotechnik- und Maschinenbauunternehmen, das Henry Royce 1884 gründete. Nachdem er 1904 sein erstes Auto gebaut hatte, lernte er Charles Rolls kennen, der in London Autos verkaufte. Aus ihrer Zusammenarbeit entstand der Name Rolls-Royce.
Flugzeuge eröffneten ihrer Ingenieurskunst einen viel größeren Markt. Im Ersten Weltkrieg entwarf Royce den Flugmotor Eagle. Später trug die Nachfrage nach dem Merlin, der unter anderem Spitfire und Hurricane antrieb, dazu bei, dass aus einem vergleichsweise kleinen Unternehmen ein bedeutender Flugmotorenhersteller wurde.
Der Einstieg in Strahltriebwerke erweiterte diese Möglichkeiten, zeigte aber auch, wie teuer anspruchsvolle Technologie werden kann. Probleme mit dem RB211 führten dazu, dass Rolls-Royce 1971 verstaatlicht wurde, damit die Entwicklung weitergehen konnte. 1987 kehrte das Unternehmen in Privatbesitz zurück; das Autogeschäft war bereits zuvor ausgegliedert worden.
Diese Geschichte ist relevant, weil erfolgreiche Technik und schwierige Finanzen zusammengehörten. Die Ingenieursarbeit erschloss neue Märkte, doch das Unternehmen brauchte auch genügend Geld, um den Weg dorthin zu überstehen.
Novartis hat Wurzeln im Farbstoffgeschäft
Novartis zeigt, wie weit sich ein Unternehmen vom ursprünglichen Markt seiner Vorgänger entfernen kann. Zur Vorgeschichte gehören Basler Firmen, die mit Chemikalien und Textilfarbstoffen arbeiteten. Ciba begann 1859 mit der Farbstoffproduktion, Kern & Sandoz wurde 1886 gegründet.
Mit der Zeit wandten sich diese Unternehmen auch Arzneimitteln zu. Ciba stellte 1900 seine ersten pharmazeutischen Substanzen her, während Sandoz 1917 eine pharmazeutische Abteilung gründete. Aus ihrer Arbeit in der Chemie entstand ein Geschäft für einen ganz anderen Bedarf: Krankheiten zu behandeln.
Novartis selbst war bereits groß, als Ciba-Geigy und Sandoz 1996 fusionierten. Seine Geschichte umfasst deshalb Generationen wissenschaftlicher Arbeit und den Zusammenschluss von Unternehmen. Sie ist keine Geschichte einer einzelnen kleinen Firma, die unter demselben Namen immer größer wurde.
Für kleinere Firmen von heute eröffnet das einen interessanten Gedanken: Wissen, das für einen bestimmten Zweck entwickelt wurde, kann später in einem anderen Markt wertvoll werden. Das Unternehmen, das daraus entsteht, kann ganz anders aussehen als am Anfang.
BAE Systems vereint viele frühere Anfänge
Auch BAE Systems ging aus etablierten Unternehmen hervor. Es entstand 1999 durch den Zusammenschluss von British Aerospace und Marconi Electronic Systems. Seine kleineren Anfänge finden wir weiter zurück in der Geschichte dieser Unternehmen.
Ein Beispiel ist Avro, das die Brüder Alliott und Humphrey Roe 1910 im Keller einer Fabrik in Manchester gründeten. Die ersten Flugzeugentwicklungen führten zu Militäraufträgen. Die Nachfrage nach dem Schulflugzeug Avro 504 half dem Unternehmen, während des Ersten Weltkriegs zu expandieren.
Avro wurde später Teil von Hawker Siddeley, einem der Unternehmen, aus denen schließlich British Aerospace entstand. Das zeigt einen weiteren Weg zu Größe: Die Entwürfe und technischen Fähigkeiten einer kleineren Firma können Teil eines viel größeren Konzerns werden. Der ursprüngliche Name verschwindet womöglich, während die Arbeit weitergeht.
Was das für kleinere europäische Unternehmen heute bedeutet
Diese Geschichten geben Anlass, neugierig zu bleiben. Ein Unternehmen muss nicht weithin bekannt sein, damit seine Technologie eine Rolle spielt. Und seine heutige Größe beschreibt nicht unbedingt seine langfristigen Möglichkeiten.
In diesen Beispielen entstand Wachstum dadurch, dass Unternehmen etwas Nützliches herstellten, weitere Kunden fanden und ihr Geschäft mit den Märkten weiterentwickelten. Manchmal brauchten sie dafür externes Kapital, einen neuen Partner oder eine Fusion. Meist dauerte es wesentlich länger, als die übersichtliche Gründungsgeschichte vermuten lässt.
Allerdings betrachten wir Unternehmen, deren Namen überlebt haben. Viele andere gerieten in Schwierigkeiten oder verschwanden. Die Beispiele zeigen also, was möglich ist, ohne zu sagen, wie wahrscheinlich es ist. Ein vielversprechendes Unternehmen kann außerdem eine enttäuschende Anlage sein, wenn der Kurs schon zu viel künftigen Erfolg vorwegnimmt.
Wer eine Anlage in kleinere europäische Technologieunternehmen erwägt, kann deshalb damit beginnen, ihr Geschäft zu verstehen: Was machen sie, warum entscheiden sich Kunden für sie und wächst diese Nachfrage? Ein Spezialist kann ein wertvolles Unternehmen aufbauen, indem er seinen Markt gut bedient, auch wenn er nie ein weiteres ASML wird.
Einige der künftigen führenden Unternehmen Europas könnten schon heute an seinen Börsen notiert sein. Sie kennenzulernen, während sich ihre Geschichte noch entwickelt, macht es so interessant, diesen Teil des Marktes zu verfolgen.
